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May 04 2017

Der conjectFM Anwendertag 2017: Zum Stand der Digitalisierung im FM

Prof. Dr. Markus Thomzik spricht darüber, wie der Megatrend Digitalisierung das Facility Management verändern wird.

Der conjectFM Anwendertag hat sich als feste Größe im Veranstaltungskalender unserer Kunden etabliert. Am 26. April 2017 kam es im Haus der Unternehmer in Duisburg wieder zu einem interaktiven Austausch von Informationen, zahlreichen konstruktiven Diskussionen sowie intensiven fachlichen und persönlichen Dialogen.

In diesem Jahr hat uns vor allem die Keynote von Prof. Dr. Markus Thomzik von der Westfälischen Hochschule begeistert. Mit seinen Thesen zur Zukunft der Digitalisierung im FM konnte er bei den Teilnehmern gänzlich neue Horizonte öffnen und wertvolle Denkanstöße geben, die über den betrieblichen Alltag weit hinausgehen. Seine inspirierenden Überlegungen präsentiert er uns in dem nachfolgenden Gast-BLOG – dafür herzlichen Dank.

von unserem Gastautor Prof. Dr. Markus Thomzik

In den Eröffnungsreden zur diesjährigen Hannover Messe wurde erneut beteuert, dass die Herausforderung beim digitalen Wandel nicht so sehr in der technologischen Beherrschbarkeit der Prozesse und Tools, sondern in der Entwicklung und Umsetzung neuer Geschäftsmodelle liege. Wie ist es denn um die digitale Transformation im Bereich der Facility Services bestellt? Hier sind zumindest Trends zu erkennen, die auch in der FM-Branche als Treiber einer Digitalisierung wirken können:

  • Mittels „Big Data“ wird eine „predictive maintenance“ routinemäßig möglich. Mehrere Datenquellen, die bisher nicht miteinander in Verbindung gebracht wurden, können auf einer Smart-Data-Plattform vernetzt werden, um Probleme frühzeitig zu erkennen und bspw. Anlagen vorausschauend instand zu halten. So könn(t)en bspw. sehr kurzfristig verlässliche Voraussagen zu Ausfällen von Aufzügen und Rolltreppen gemacht werden.
  • Mithilfe von biometrischen Systemen werden des Weiteren nicht nur im Kontext von Zutrittskontrollen und Flächenbelegungskonzepten Effizienzreserven gehoben, gleichzeitig werden mit ihrer Integration in betriebliche Gesundheitsmanagement-systeme neue Niveaus der Mitarbeiterzufriedenheit und Employability erreicht.
  • Durch neue Möglichkeiten einer miniaturisierten Sensorik werden darüber hinaus die Performance von Gebäuden besser verstanden und detailliertere Real-Time-Gebäudenutzungsanalysen möglich.
  • Es werden nicht nur mit Spezialkameras ausgestattete Drohnen routinemäßig als Hilfsmittel bei Inspektionen auf Dächern und in Kanalsystemen, sondern auch mobiler 3-D-Druck ressourcenschonend für die Ersatzteilbereitstellung in Wartungsprozessen eingesetzt.
  • Mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Roboter werden künftig in vielen heute noch personalintensiven Routinen eingesetzt und ermöglichen zugleich ein neues Niveau ergebnisorientierter Service-Level.

Das ist aber erst der Anfang einer digitalen Transformation. Der Autor hat den Eindruck, dass nicht wenige Entscheider der FM-Branche in der Digitalisierung noch immer eine harmlose Start-up- Szene sehen, die sie kaum tangieren wird. Die Digitalisierung ist aber kein kurzfristiger Sturm der irgendwann vorbeizieht. Es ist ein gefährlich lautloser Prozess, der einerseits nicht mehr aufzuhalten ist, andererseits aber so manches klassische Geschäftsmodelle rund um die Immobilie in Frage stellen könnte. In meiner Befragung zu Einschätzung und Stand der Digitalisierung haben zwar 80 Prozent der Befragten bestätigt, dass die digitale Transformation nicht nur die industrielle Fertigung betrifft, sondern auch tief greifende Veränderungen in den Facility Services erwartet werden. Gleichzeitig glauben jedoch ca. 60 Prozent der Studienteilnehmer, dass die Facility Services nicht zu den disruptiven Bereichen zählen werden. Das könnte fatale Folgen haben.

Die vorliegenden Analysen – auch die der größten Berufsoptimisten bei einschlägigen Verbänden – unterstreichen allesamt, dass Deutschland mit der Digitalisierung der Wertschöpfungsketten nicht schnell genug vorankommt. Aus der Sicht der Innovationsforschung sind es hauptsächlich zwei Barrieren, die eine Entwicklung hier behindern: der Mangel an Mut, eine wirklich radikale Transformation durchzusetzen, sowie fehlende „digitale“ Kompetenzen. Wenn Einzelne sich – wie im Rahmen einer Fachtagung zur Digitalisierung der Immobilienwirtschaft tatsächlich geschehen – in der Diskussion damit beruhigen, sie hätten doch bereits eine erste Stufe der Digitalisierung erfolgreich gemeistert, wenn die Mitarbeiterin ihrem Chef die E-Mails nicht mehr ausgedruckt vorlegen würde, zeigt das das Dilemma unseres tradierten Bereiches. Auch hier ist es der Mensch, der lieb gewordene Privilegien, Besitzstände, Budgets und vor allem sein veraltetes Kompetenzniveau zu schützen versucht, anstatt Neues voranzutreiben.

Unzweifelhaft wird die Digitalisierung der Wirtschaft auch die Arbeitswelt rund um die Immobilie erheblich verändern. Und es bleibt uns nichts anderes übrig, als den Mensch hier in die Überlegungen einzubeziehen. Auch digitale Innovationen werden von Menschen gemacht! Nicht Maschinen und Computer entwickeln geänderte Problemlösungen oder neue Geschäftsmodelle, auch in einer digitalisierten Welt sind immer nur Menschen die Enabler für Neues. Dabei ist es aber auch ganz menschlich, wenn einige den Vormarsch von Algorithmen als Bedrohung wahrnehmen. Die Menschen sind damit nicht nur Enabler, sondern auch gleichzeitig die größte, „fleischgewordene“ Innovationsbarriere.

Wie die digitalen Prozesse und Geschäftsmodelle aussehen werden, zeichnet sich insgesamt erst sehr schemenhaft ab. Aber sie werden sich nicht linear, sondern exponentiell weiterentwickeln. Und es fällt mir tatsächlich kein Gegenargument dafür ein, dass auch unser Bereich über kurz oder lang zu den disruptiven Wertschöpfungsketten zählen könnte. Die Manager aus der Zeit der zweiten industriellen Revolution werden bald auf Google nachlesen müssen, was da ihre etablierten Kundenbeziehungen unter dem Schlagwort „Disruption“ in der dritten Revolution zerstört, wenn sie über neue digitale Plattformen in die zweite Reihe gedrängt oder entwertet werden. Und die anstehende digitale Revolution wird nicht erst die nächste Generation von Entscheidern (be-)treffen. Der EU-Kommissar Oettinger pointiert wohl zu Recht: „Wer die Digitalisierung nicht aktiv angeht, wird in fünf oder zehn Jahren nicht mehr in der Wirtschafts- und Arbeitswelt sein.“ Auch für die Immobilienwirtschaft dauert ein Jahr im Internet nur wenige Wochen. Zahlreiche „Prop-Techs“ sind bereits aus den Startlöchern katapultiert worden. Die Facility-Services-Anbieter werden sich den Veränderungen einer Digitalisierung nicht verschließen können, sonst droht der digitale Absturz. Es ist durchaus vorstellbar, dass ein Digital Elephant wie Alphabet/Google mit der 3-Milliarden-Akquisition von „Nest Laps“ in einem (über-)nächsten Schritt das Tempo der digitalen Transformation im B2B-Bereich dominieren wird, oder „Digital Piranhas“, hungrige Start-ups, mit für die Immobilienwirtschaft unvorstellbar großem Venture-Capital von den etablierten Playern ein Stück von den digitalen und realen Märkten erobern werden.

Zurzeit wird in vielen Segmenten noch hinter vorgehaltener Hand darüber gelacht, dass bald neue Akteure ihr klassisches Geschäftsmodell rund um die Immobilie infrage stellen könnten. Es sei stets das Lachen der Halbtoten auf dem Weg zum Friedhof, an dem man eine Disruption ablesen könne, brachte es ein Insider aus dem Silicon Valley auf den Punkt. In der ein selbstbewussten deutschen Automobilindustrie oder auch im stolzen Banken- und Versicherungsbereich wird mittlerweile nicht mehr gelacht! Nun muss dringend damit begonnen werden, auch die immobilienbezogenen Unter-stützungsprozesse mit digitalen Tools zu erneuern sowie digitale Plattformen zu bauen, um die unausweichlichen Entwicklungen proaktive voranzutreiben und nicht zu Getriebenen zu werden. Für eine der tragenden Säulen der deutschen Wirtschaft stehen existenzielle Weichenstellungen an.

About the author

Marcus Kaminski

Marcus Kaminski ist Branch Manager CAFM und Head of Sales am Standort Duisburg. Seine berufliche Laufbahn begann direkt nach dem Maschinenbaustudium an der Ruhr-Universität Bochum im Softwarevertrieb. Seit knapp 20 Jahren beschäftigt er sich mit den unterschiedlichsten Kundenanforderung im Bereich der CAFM-Einführung. Seine Tätigkeiten im CAFM-Produktmanagement haben ihn auch für die Entwicklung von Kundenprojekten geprägt. Die Herausforderungen und Insellösungen der Kunden werden ständig analysiert und stets nach Optimierungen auf Basis der vorhandenen Standards gesucht. Den Ausgleich zum Job findet er auf dem Wasser. Am Wochenende macht er ausgiebige Motorboottouren auf dem Ijsselmeer, optimiert natürlich auch am Boot oder fachsimpelt mit den Stegnachbarn. Zur Freude seines Duisburger Teams entstehen hier auch immer neue Ideen.

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